Quo vadis, Real Madrid?

Was ist bloß mit Real Madrid los? Diese Frage stellt sich spätestens seit der zweiten Niederlage in Folge in der Champions League gegen Juve so ziemlich jeder Real- und Fußballfan. Über die Antwort lässt sich lange diskutieren, doch ich persönlich finde nicht, dass es zu der Leistung im vergangenen Jahr einen großen Unterschied gibt. Zumindest nicht bei Real, wohl aber bei den Gegnern.

Wenn Robben nur nicht so verletzungsanfällig wäre. Foto: Rob @ Flickr.com

Wenn Robben nur nicht so verletzungsanfällig wäre. Foto: Rob @ Flickr.com

Im letzten Jahr holten ja genau die  Spieler die Meisterschaft nach Madrid, die auch jetzt aktuell im Kader sind, doch Klubs wie der FC Barcelona, Villareal oder der FC Sevilla sind in der aktuellen Saison stärker als je zuvor. Man denke auch an den FC Valencia, der unter der Leitung von Ronald Koeman in der letzten Saison zeitweilig zur Lachnummer degradiert wurde (umso überraschender, dass sie die Copa del Rey gewannen!).

Real gewinnt wie die Kleinen

Diese ganzen Teams haben sich also stark verbessert, haben zum Teil, wie es bei Barça der Fall gewesen ist, schwierige Umbruchsituationen durchlebt und die Mühen und Anstrengungen beginnen sich nun auszuzahlen. Ich habe nahezu alle Liga-Spiele der Katalanen verfolgt und bin nach anfänglicher Skepsis mittlerweile restlos von Guardiola und seinem Konzept überzeugt. Das gleiche von Real Madrid und Schuster zu behaupten kann ich einfach nicht. Real gewinnt als große Mannschaft Spiele in einer Art, wie sie normalerweise die Kleinen gewinnen. Ohne wirklich zu überzeugen, bescheiden, oft über den Kampf und für die verwöhnten Fans viel zu unspektakulär. Sicher ist Ronaldo nicht gekommen, auch nicht Villa und auch nicht Cazorla und wer sonst noch alles auf Mijatovics Einkaufsliste draufstand.

Meines Erachtens hat Real einen guten Kader mit einem enormen Potential, welches irgendwie nicht wirklich erschlossen wird. Und dies ist dann glaube ich nicht mehr die Schuld der Spieler, sondern des Trainers.

Ziel 2008/2009: Champions League!?

Bernd Schuster, vor eineinhalb Jahren noch beim bescheidenen Madrider Vorstadtklub FC Getafe, holte bei den Königlichen in der letzten Saison auf Anhieb die Meisterschaft. In der Champions League war jedoch nach dem Achtelfinale bereits Schluss und zwar nicht etwa gegen einen vermeintlich starken Gegner wie Manchester United, Chelsea oder Arsenal, wie man es ja bei einem neunmaligen Champions League Sieger eigentlich erwarten würde. Nein, der Henker kam aus (AS) Rom und war zu dem Zeitpunkt höchstens mittelmäßig. Da wurde mir irgendwie klar, dass Real in der Meisterschaft 07/08 unter schlichtweg einfacheren Bedingungen agierte als auf internationaler Ebene. Die Fans waren dennoch zufrieden mit dem Liga-Gewinn und schließlich hatte man auch einen neuen Punkterekord aufgestellt. Zudem war bereits Cristiano Ronaldo als Neuzugang des Jahrhunderts im Gespräch und auch an den Zielen wurde für die nächste Saison wurde rumgetüftelt. Der Champions League Titel sollte mal wieder nach Madrid, nach dem man in den letzten Jahren so kläglich gecheitert war. Mit Cristiano Ronaldo sicherlich mehr als machbar, dachten sich viele und waren soweit beruhigt. Doch der unentschlossene portugiesische Stürmerstar entschied sich – nachdem er zwei Monate lang die Titelseiten diverser europäischer Sportmagazine verziert hatte – dann doch für den Verbleib im sonnigen Manchester. Und diejenigen, die alles auf eine Karte setzen, müssen nunmal das Risiko in Kauf nehmen, auch alles zu verlieren.

„Nur“ Rafael Van der Vaart

Verzweifelt suchten Calderón und Mijatovic also auf die schnelle nach einem gleichwertigen Ersatz. Aber in wen findet man einen gleichwertigen Ersatz für den wohl zur damaligen Zeit besten Spieler der Welt? Calderón hatte Ronaldo zwar nie wirklich offiziell versprochen, doch alle hatten ihn erwartet. David Villa, immerhin Torschützenkönig der EM und Europameisterschaft lehnte dann, ebenso wie Nationalmannschaftskollege Cazorla, ab. Immerhin war Rafael van der Vaart verpflichtet worden, zudem kehrte der ausgeliehene Rubén de La Red zurück, der sich bei Getafe zu einem kreativen und vielseitigen Mittelfeldspieler entwickelt hatte. Aber ob das reichen würde? (Wir erinnern uns, Barça hatte zu dem Zeitpunkt bereits um die 100 Millionen Euro in neue Spieler investiert, Deco und Ronaldinho verkauft sowie Guardiola als neuen Trainer engagiert).

Madrid holt Supercup

Die Saison begann zunächst erwartungsgemäß. Gegen Valencia gewann Real den Supercup nach einem irren Rückspiel, bei dem die Tugenden zum Vorschein kam, die für den Gewinn der zwei Meisterschaften maßgeblich entscheidend geween waren. Tugenden wie Stärke, Disziplin und Kampf. Sicher nicht die ersten Eigenschaften, die man auf Anhieb mit Madrid verbinden würde.

In der Liga fehlt die Überzeugung

Zum Liga-Auftakt gab es zwar zunächst eine Schlappe gegen Deportivo (2-1), doch das überraschte eigentlich niemanden, hat Real doch seit über 16 Jahren nicht mehr in Riazor gewinnen können. Danach gab es gegen die „Kleinen“ Numancia (4-3), Santander (0-2), Gjión (7-1) und Real Betis (1-2) vier Pflichtsiege in Folge, gefolgt von einem Unentschieden gegen Espanyol (2-2). Die nächsten Spiele gewann Real dann nur noch sehr knapp, wie es beim Derby gegen Atlético (2-1) oder gegen Bilbao (3-2) der Fall war. Im letzten Spieltag am Sonntag kam man gegen Almería schließlich nicht über ein schmeichelhaftes 1-1 hinaus.

Heinze: „Eine beschissene Phase“

International konnte Real bisher weitaus weniger überzeugen. Einem lustlosen und wenig überzeugenden 2-0 Heimsieg gegen die wohl schwächste Mannschaft der Champions League, Bate Borisov, folgte ein mehr als knapper Sieg gegen den amtierenden UEFA-Cup Sieger aus St. Petersburg (1-2).

Doch erst mit Juventus Turín stand der erste namhafte Gegner der aktuellen Saison vor der Tür. Wollte man wirklich die Champions League gewinnen, so sollte es ja möglich sein, eine Juve-Mannschaft zu besiegen, bei der die Hälfte der Stammspieler zur Zeit verletzt ist und die in Italien selber gerade nicht wirklich Fuß fasst. Doch der Härtetest ging völlig in die Hose. In Turín gab es eine 1-2 Auswärtsniederlage und beim Rückspiel vorgestern verlor Real auch im Bernabéu-Stadion mit 0-2. Ausgerechnet Oldie-Star Del Piero schoss die Könglichen beinahe im Alleingang ab und wurde bei seiner Auswechslung von Real-Fans mit stehenden Ovationen bedacht. Zu allem Übel verletzte sich auch noch Robben beim Aufwärmen und fällt für die kommenden sechs Wochen aus. Abwehrspieler nahm nach dem Spiel kein Blatt vor dem Mund, als er meinte, dass die Mannschaft zur Zeit „eine beschissene Phase“ durchmache.

Del Piero schoss beim 0-2 am Mittwoch beide Treffer für Real. Hier gibt es das schönere der beiden als Video:

Auch in der Copa del Rey Chance nicht genutzt

Wenn es schon gegen die Großen nicht geht, sollte es doch wenigstens gegen einen drittklassigen Verein machbar sein, überzeugend zu gewinnen, oder etwa nicht? Die wunderbare Chance hatte Real im nationalen Pokal Ende Oktober gegen Real Irún und ich möchte nicht wissen, wie viele Leute viel Geld auf einen sicheren Sieg Reals getippt.. und verloren haben. Denn ja, selbst gegen eine drittklassige Mannschaft gab es eine Niederlage (3-2).

Keine klare Linie erkennbar

Es ist diese inkonstante, diese unvorhersehbare Leistung, die Grund zur Sorge macht. Es fehlt irgendwie die Überzeugung, die z. B. der FC Barcelona oder der FC Villareal ausstrahlen. Dabei sind die Spieler wie gesagt keineswegs das Problem. Higuaín ist zur Zeit in einem Formhoch und auch Van der Vaart oder Robben haben des Öfteren gezeigt, zu welch großen Fußballern sie gehören. Auch Van „Gooal“ Nistelrooy und selbst Raúl treffen noch recht zuverässig. Höchstens in der Abwehr gibt es so einige eklatante Schwächen und auch Casillas wirkte in der letzten Saison weitaus sicherer. Aber generell scheint die (Zu-)Ordnung auf dem Feld nicht zu stimmen, auch das Taktikkonzept scheint des öfteren undurchdacht zu sein.

Liegt es an Schuster?

Kein Wunder also, dass der Architekt der Madrider Spielweise, Bernd Schuster, nun immer mehr öffentlich in die Kritik gerät. Dass er und die Presse sowieso keine Freunde sind, dass dürfte sich ja mittlerweile rumgesprochen haben. Die Spieler dagegen scheinen zu ihm zu halten und ihn zu mögen. Und die Fans? Der Radiosender Cadena Ser führte heute diesbezüglich eine Online-Umfrage durch. Gefragt wurde, ob Schuster als Trainer von Real Madrid noch Vertrauen ausstrahle. Die Antwort war mehr als eindeutig: 75% der Internetsurfer beantworteten die Frage mit „Nein“. Auch ich zähle mich dazu. Zu experimentierfreudig auf der einen Seite, zu inkonsequent und launisch auf der anderen verhält Schuster sich nicht nur gegenüber der Presse, sondern auch in seiner Rolle als Trainer. „Mehr Aufsteller als Trainer“ sei er, hörte ich spanische Sportexperten wie Manolo Lama kürzlich sagen, womit er auch nicht ganz Unrecht hat, wenn man seine Reaktionen während des Spiels beobachtet, die meistens nur kommen, wenn der Schriri mal wieder irgendwas verbrochen hat.

Ich denke die Antwort auf unsere Zweifel und Hoffnungen wird uns spätestens in einem Monat gegeben werden, dann wenn nämlich Real auf den Erzrivalen Barça trifft, der momentan der Benchmark der Liga und somit auch das Maß aller Dinge ist. Am 14.12 wird es so weit sein.

Müsste ich jetzt wetten, so wäre ich ganz schön überfragt. Denn bei diesem Real ist zur Zeit alles möglich. Dies gilt leider für beide Extreme.

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